thequalm-szenehamburg_5-2014

Von Qual und Qualm

– Kunsthaus

In der Ausstellung „the qualm“ führt Wolfgang Oelze an aufregende und manchmal auch beängstigende Orte.

Schön schräger Titel, den Du Deiner ersten institutionellen Ausstellung gegeben hast: „the qualm“. Ist er visuell oder abstrakt zu verstehen?

Beides. In meinen Videos und Fotos sieht man oft Rauch als einen Hinweis auf das Unerklärliche, eben das Nebulöse. Qualm, etymologisch gesehen, entspringt im Altenglischen und Germanischen derselben „Quelle“. Pestilenz, betäubender Rauch und Schwindel – die Qual, aus der sich in der englischen Sprache heute „qualm“ als Ausdruck eines quälenden Zweifels ableitet. Die Ahnung von all dem dünsten die Bilder aus.

Qualm kann etwas verdecken, „vernebeln“ oder ist der Überrest von etwas, das verbrannt ist ...

Dort, wo vorher etwas geschehen ist, füllt gelegentlich Rauch eine Leerstelle aus, als Platzhalter, vergeistigte Existenz, Überrest – womöglich einer Gewalttat. Das, worauf der Rauch hinweisen könnte, sieht man aber in meinen Videos und Fotos nicht. Ein Bild des Geschehenen kann quasi forensisch konstruiert werden. Seit der Antike ist die Kunst der Aeromantie bekannt, des Lesens aus Phänomenen der Luft. Dazu gehören Wolken, Nebel, also alle Arten von Dampf und Dunst.

Mir fällt bei Deiner Arbeit der Film „Blow Up“ ein, der mit der Wahrnehmung spielt.

Der Zweifel und die Auflösung von Identität und Existenz spielen in den Filmen Antonionis eine große Rolle. Die in Zeitlupe gezeigte wolkenartige Explosion des Hauses in „Zabriskie Point“; der unausweichliche Weg der Hauptfigur zum Sterben in „Beruf Reporter“. Letztlich geht es um den Tod als Verschwinden. In „Blow Up“ wird anhand eines kleinen zufällig entdeckten Ausschnitts auf einem Foto ein Verbrechen vermutet. Dieser Blick auf Details ist auch mir wichtig.

Ist deine Arbeit generell auch vom Kino beeinflusst?

Spielfilme zeigen eine Überhöhung der Realität, sind „Bigger than Life“. In meinen Videoarbeiten aus vorgefundenem Filmmaterial habe ich die Handlung weggelassen. Ich ordnete und montierte kurze Situationen mit menschenleeren Orten zu neuen Sequenzen, aus denen sich eine Geschichte nur noch undeutlich erahnen lässt ...

Deine Bilder zeigen „Nicht-Orte“, oder eben diese seelenlosen Zwischenorte. Was bedeuten sie für dich? Und: wie findest du sie?

Nach der Auswertung von Kinofilmen sammelte ich, nach 9/11, über einige Jahre Nachrichtensendungen und verarbeitete sie ähnlich. Gleichzeitig fotografierte ich Bunker. Die Bunker sind inzwischen aus den Bildern verschwunden, es gibt keinen deutlichen Mittelpunkt.

Ein „Nicht-Ort“ wird definiert, wie ich es verstehe, über den eigentlichen Zweck eines Ortes. Den möchte ich diffus belassen. Seelen sind dort vielleicht schon oder noch, unsichtbar anwesend. Auf jeden Fall stellt sich die Frage nach dem zeitlichen und räumlichen Zwischenstadium. Das sind einige Kriterien, nach denen ich versuche, diese Orte festzuhalten.

Noch mal zurück zum Qualm. Geht es auch um dessen Formlosigkeit?

Die Interpretationsmöglichkeiten des Qualms sind so vielfältig wie dessen Gestaltlosigkeit: Im Volksmund wurde vermutet, Hexen spinnen den Nebel und die Pest würde von ihm verursacht. Rauch sollte Nebel vertreiben und aus seiner Bewegung wurde die Zukunft geweissagt. Offensichtlich ist seine Flüchtigkeit, aber man kann versuchen, ihn in einem Moment mit fotografischen Mitteln einzufangen. Er ist das wesentliche Material des Undeutlichen, Unklaren und übermächtig Beängstigenden – somit des Formlosen. Eigentlich unmöglich, das abzubilden.

Im Kunsthaus wird auch eine Installation zu sehen sein. Was können wir erwarten?

Es wird eine räumliche Montage von filmischen und fotografischen Szenerien geben: Landschaften, Areale, Panoramen, Schauplätze. Man könnte sagen: Sphären des Formlosen. Große Videoprojektionen und kleine Arbeiten auf Monitoren treffen in der dunklen Halle auf fotografische Aufnahmen von Orten. Qualm sieht man aber erst, wenn man ohne zu zwinkern genau und lange hinschaut.

/ Interview: Sabine Danek

 Szene Hamburg 5 / 2014